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Gasometer Fichtestraße / Fichtebunker. Bild: von Jörg Zägel - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19251891
Gasometer Fichtestraße / Fichtebunker. Bild: von Jörg Zägel - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19251891

Berliner Unterwelten: „Wir wurden von Corona voll erwischt“

Dem Verein Berliner Unterwelten e.V. droht die Insolvenz. Auch der Fichtebunker in Kreuzberg ist damit gefährdet. Über die Situation des Vereins sprechen wir mit Sascha Keil (Betriebsleitung Fichtebunker) und SPD-Fraktionsvize Frank Vollmert.

Herr Keil, bitte erklären Sie uns kurz: Was macht der Verein Berliner Unterwelten eigentlich?

Sascha Keil: Der Verein wurde 1997 gegründet. Es war am Anfang eine Gruppe von Enthusiast*innen. Wir haben Schutzanlagen und andere historische unterirdische Anlagen untersucht. Eine wichtige Rolle haben Dietmar Arnold und Andreas Körner gespielt, die beiden Gründer eines Stadtplanungsbüros. Sie hatten vor rund 30 Jahren vom Land Berlin den Auftrag bekommen, die unterirdische Innenstadt zu vermessen und zu dokumentieren. Daraus hat sich eine Arbeitsgemeinschaft ergeben und schließlich entstand der Verein Berliner Unterwelten. Die Idee war, eine Lobby für unterirdische Baudenkmäler zu gründen. Denn im Boden sind viele spannende Zeugnisse der städtischen Geschichte verborgen.

Inzwischen gibt es uns seit mehr als 20 Jahren. Ein paar Kennzahlen: Wir haben 530 Vereinsmitglieder, wir haben zehn Standorte und unterirdische Bauten, die wir mit ihrem historischen Zusammenhang auch der interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen. Wir hatten vor der Corona-Zeit bis zu 200 Beschäftigte. Wir hatten 360.000 Besucher im Jahr 2019 in Bildungsseminaren und Führungen. Wir sind ein mittelständisches Unternehmen geworden und zugleich immer noch ein Mitgliederverein, in dem man sich engagieren kann.

Uns ist zu Ohren gekommen, dass es eine finanzielle Schieflage gibt. Dem Verein droht sogar die Insolvenz. Wie ist es dazu gekommen?

Sascha Keil: Die Geschichtsorte, mit denen wir hauptsächlich arbeiten, liegen unterirdisch. Fenster oder Türen zum Lüften sind da dünn gesäht oder nicht vorhanden. Wir reden von Verkehrsbauwerken wie dem ersten U-Bahn-Tunnel Deutschlands, Bunkeranlagen des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges oder Fluchttunneln, einst unterirdische Wege unter der Berliner Mauer. So etwas ist schwierig zu lüften, das geht nur mit aufwendigen technischen Umbauten und Anlagen. Da wurden wir von den Corona-Beschränkungen voll erwischt.

Wir haben unsere Angebote ab Juni – nach drei Monaten Stillstand und Betriebsstilllegung – erstmal wieder aufnehmen können. Die Bildungsseminare etc. werden auch gut angenommen. Die Nachfrage ist gar nicht das Problem, obwohl der Tourismus immer wieder stockt. Das größte Problem ist tatsächlich, dass wir nach den Beschränkungen und Vorgaben des Gesetzgebers für das Land Berlin nur wenig Menschen pro Gruppe empfangen dürfen. Die ganze wirtschaftliche Kalkulation stimmt nicht mehr. Wir können nur ein Drittel bis die Hälfte der sonst üblichen Besucher pro Gruppe empfangen. Die Fixkosten laufen aber weiter, wir konnten nicht jeden Vertrag nach verhandeln.

Die Politik hat im Rahmen der Corona-Krise eine Reihe von Hilfsprogrammen aufgelegt. Hilft diese Unterstützung dem Verein gar nicht weiter?

Sascha Keil: Wir haben vier Förderanträge gestellt. Drei davon laufen noch, einer ist recht früh abgelehnt worden. Im Grunde war die Auskunft der verwaltenden Stellen immer: Wir hätten den Boden unserer liquiden Mittel noch nicht erreicht. Wir haben gut gewirtschaftet und hatten im Frühjahr mehrere hunderttausend Euro zweckgebundene Rücklagen. Daraus haben wir bisher gezehrt. Die sind jetzt weg. Wir stehen also vor dem finanziellen Kollaps.

Ich möchte dazu sagen: Wir sind als Kulturbetrieb vollkommen privat organisiert. Bisher haben wir keinerlei städtische Förderung in Anspruch genommen. Wir haben eher noch der Gesellschaft etwas zurückgegeben. Zum Beispiel haben wir in den Volkspark Humboldthain im Bezirk Mitte für 90.000 Euro eine Treppe gebaut – natürlich profitieren davon auch unsere Mitarbeiter*innen, da sie nun auf kurzem Wege auf die Ruine des Flakturms kommen. An unserem 20-jährigen Jubiläum hat sogar der Regierende Bürgermeister als Gratulanten und Redner teilgenommen, und hat in seiner Ansprache die außergewöhnliche Geschichte des Vereins und dessen Beitrag für die Stadtgeschichte gewürdigt. Jetzt wollen wir daran erinnern und sagen: Wir brauchen Hilfe, um diese hochgelobte Arbeit fortzusetzen!

Sie haben eine Pressemitteilung veröffentlicht und sich an die Politik gewandt. Was konkret müsste denn jetzt aus Ihrer Sicht passieren?

Sascha Keil: Zunächst würde es uns helfen, wenn wir Auskunft bekommen über den Bearbeitungsstatus der verschiedenen Förderanträge – und natürlich hoffen wir, dass sie positiv beschieden werden. Wir bräuchten Hilfe im sechsstelligen Bereich, um über den Winter zu kommen. Die Corona-Lage verschärft sich. Wir können unser Konzept nicht ohne Weiteres umstellen und Freiluftveranstaltungen machen. Wer zu uns kommt, erwartet unterirdischen Anlagen. Mit Gruppen von 15 statt 30 Besucher*innen passt unsere wirtschaftliche Mischung nicht mehr. Wir haben pro Monat eine Unterdeckung von 30.000 bis 50.000 Euro. Wir wollen die Beschäftigungsverhältnisse halten. Das sind Verpflichtungen, die wir langfristig eingegangen sind als Arbeitgeber, und das kostet Geld – das brauchen wir auf jeden Fall bis Ende März, April nächsten Jahres.

Frank Vollmert hat das Thema als Bezirksverordneter aufgegriffen. Frank, wie ist denn der Stand der Dinge?

Frank Vollmert: Mich hatte eine Bekannte angesprochen, dass der Verein in Schieflage ist. Ich habe Kontakt mit Herrn Keil aufgenommen und anschließend unsere SPD-Abgeordneten aus Friedrichshain-Kreuzberg und auch die BVV-Fraktion auf den Sachstand aufmerksam gemacht. Als Bezirksverordneter habe ich die Mittel in die Hand genommen, die mir zur Verfügung stehen, und einen Antrag eingebracht. Dieser fordert das Bezirksamt auf, nochmal beim Senat und dem Kultursenator Lederer vorstellig zu werden. Als Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg liegt es natürlich in unserem ureigenen Interesse, den Fichtebunker als Kultur-, Lern- und Besuchsort zu erhalten. Wer selbst schon einmal drin gewesen ist, bekommt sehr eindrücklich die damalige Situation als Fluchtort bei den Bombenangriffen vermittelt.

Der jetzige Stand ist: Der Antrag wurde von der BVV angenommen, sodass die Kulturstadträtin sich für die Berliner Unterwelten einsetzen muss. Die Kontakte und Bemühungen abseits dieses Antrages laufen natürlich weiter, sodass auf Abgeordnetenhausebene auch noch ein politischer Druck entfaltet wird.

Frank Vollmert ist stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion in der BVV Friedrichshain-Kreuzberg.

Zusammengefasst heißt das: Helfen kann nur das Land Berlin, aber der Bezirk soll sich beim Senat dafür einsetzen, dass Bewegung in die Sache kommt.

Frank Vollmert: Genau. Da sind die bezirklichen Möglichkeiten tatsächlich begrenzt. Es ist aber nicht nur das Land Berlin in der Verantwortung, sondern auch der Bund, der ja auch Förderprogramme aufgelegt hat wie „Neustart Kultur“. Da hat der Verein entsprechende Anträge gestellt. Aufgrund der besonderen Situation muss der administrative Ablauf beschleunigt werden.

Herr Keil, was hat sich denn seit der Pressemitteilung bewegt? Gibt es Signale, die Ihnen Hoffnung machen?

Sascha Keil: Die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema hält sich leider noch in Grenzen. Hoffnung macht mir tatsächlich, wie engagiert Herr Vollmert sich eingesetzt hat – das hätte ich so nicht erwartet und es gibt einem auch ein Stück Zutrauen in die politisch Handelnden zurück. Dafür vielen Dank, egal was dabei herauskommt.

Zum Fichtebunker möchte ich noch etwas zur Chronologie sagen. An unserem Standort in der Fichtestraße in Kreuzberg hat sich die Situation mittlerweile etwas entspannt. Und zwar dank eines Instrumentes, das wir hoffen nun auch für den Gesamtverein aktivieren zu können. Nämlich Spenden – auch Sachspenden, zum Beispiel in Form von kostenloser Werbung.

Wir haben große Werbepartner angesprochen, werden von der BVG, der GSG und Wall Decaux unterstützt. Unsere Vermieter haben an einigen Standorten bis zu 90 Prozent der Miete erlassen. Fantastisch ist auch das Engagement der Vereinsmitglieder und ihrer Netzwerke. Wir haben Mitte September für den Fichtebunker getrommelt, und daraus haben sich 50.000 Euro an Spendenzusagen ergeben. Das ist ein großartiges Ergebnis! Nun versuchen wir, diese Instrumente auch für den Gesamtverein anzuwenden. Denn der Fichtebunker ist erst einmal gesichert, aber der Gesamtverein – und damit der Träger des Bunkers an der Fichtestraße – leidet große Not. In der Medizin würde man sagen: Was nützt es, wenn das Bein gerettet ist, aber der Patient ist tot. Wir müssen jetzt den Gesamtverein erhalten.

Welche Folgen hätte es, wenn der Verein tatsächlich insolvent geht? Gibt es einen Plan B, oder wäre die Aufbauarbeit der vergangenen 20 Jahre damit zerstört?

Sascha Keil: Ich bin kein Jurist, aber wir drohen tatsächlich in die Zahlungsunfähigkeit zu kommen und müssten dann Insolvenz anmelden. Und dann droht der Verlust von Arbeitsplätzen. Das zweite ist, dass die Vereinsmitglieder ihr soziales Zuhause verlieren, wo sie sich gesellschaftlich engagieren. Und es wäre ein Verlust für Berlin, weil ein dicker Kulturbetrieb und eine Institution für die Stadtgeschichte Berlins nicht mehr weitermachen könnte. Damit würden auch die von uns betriebenen Geschichtsorte verloren gehen, zusammen mit allen Geschichten und Botschaften – wie der Mahnung, den Krieg nicht zu wiederholen. Wenn wir keine Hilfe bekommen, dann gehen in den Berliner Unterwelten auf Dauer die Lichter aus!

Frank, als Bezirksverordneter und Bewohner von Friedrichshain-Kreuzberg: Was würde dir fehlen, wenn der Verein insolvent geht?

Frank Vollmert: Kreuzberg würde einen Kulturstandort verlieren. Wer sich mit Vereinen auskennt, weiß: So ein Engagement kann nicht einfach wieder hochgefahren werden. Das sind über Jahre gewachsene Strukturen. Wenn das Personal verloren geht, sind die weg. Deswegen ist die Notwendigkeit, landes- und bundesweit aktiv zu werden, umso wichtiger.

Das Gespräch führte Carl-Friedrich Höck.